Leseprobe
LeoZeit: Schatten
Lies den Anfang — den Prolog.
Direkt im Browser lesenMerkt sich die Stelle · auch offline · ohne Anmeldung
Prolog
Das Echo im Pomeranzengarten

Das metallische Schnappen der Gartenschere – gleichmäßig, unerbittlich, wie ein Metronom kurz vor dem ersten Schlag.
Heinz arbeitete am Gartenrand, unweit des Brunnenbeckens. Er stutzte den Buchsbaum mit einer Präzision, die er sich in Jahrzehnten angeeignet hatte – und die niemand von ihm verlangte. Niemand außer ihm selbst.
Der Juliabend lag schwül und lastend über dem Pomeranzengarten. Die Luft trug den herben Geruch frisch geschnittener Blätter – und den von etwas, wofür Heinz keinen Namen hatte. Ein Raunen, das ihm durch Mark und Bein ging. Jeden Abend dasselbe: Sobald die Schatten an den Schlossmauern emporstiegen, schien der Garten zu erwachen.
Schnitt. Schnitt. Dann: Stille.
Nicht das drückende Schweigen vor einem Gewitter. Eine andere Stille. Eine, die entsteht, wenn etwas Uraltes die Augen aufschlägt.
Die Luft vibrierte. Über den Arkaden verharrte der Himmel in einem unnatürlich tiefen Blau. Das vertraute Plätschern des Brunnens verzerrte sich zu einem hohlen, metallischen Kreischen – und dann erstarrte der Wasserstrahl mitten in der Luft. Ein gläserner Bogen. Reglos. Als hätte jemand die Welt angehalten.
Heinz ließ die Schere nicht sinken. Seine Knöchel traten weiß hervor, so fest umklammerte er die Griffe. Er hatte all die Jahre auf diesen Moment gewartet. Jetzt, da er gekommen war, zitterten seine Hände nicht. Nur eine grimmige, bittere Gewissheit.
Dann kam die Kälte.
Kein Wetterumschwung. Ein Kälteeinbruch aus einer anderen Zeit. Er kroch ihm unter die Haut und fraß sich bis in die Knochen, bis der Juli ringsum nur noch eine Lüge war. Weißer Reif legte sich auf seine Bartstoppeln, auf die Härchen an seinen Armen. Ein Frost, der von innen brannte.
Mit der Kälte kam ein Geruch. Pomeranzenduft, schwer. Darunter lauerte etwas anderes: Moder. Ein Hauch von Fäulnis aus einer Tür, die seit Jahrhunderten verriegelt war und die eben jemand aufgestoßen hatte.
Auf der Balustrade standen sie. Eine Frau in einem Gewand, so schwarz, dass es das letzte Tageslicht verschluckte, eine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Neben ihr die Silhouette eines Jungen – durchscheinend, ein Geist, der jeden Moment verblassen konnte. Hinter ihnen wirkte der Garten plötzlich wie eine Kulisse, hinter der nichts mehr war.
Ihre Hand lag auf seiner Schulter. Besitzergreifend. Er war ihr letzter Halt, und sie würde ihn nicht noch einmal hergeben.
»Georg …«, hauchte sie.
Der Name traf Heinz in die Magengrube. Im Beet neben ihm welkten die Blumen, lautlos. Die Blüten rollten sich ein, färbten sich schwarz und zerfielen zu Asche.
Die Frau hob den Kopf. Unter der Kapuze lagen Schatten, so tief, dass kein Lichtstrahl sie durchdringen konnte. Nur zwei schwache Lichtpunkte glommen darin – wie Sterne, die längst erloschen sind. Ihre Hand auf der Schulter des Jungen war lang und blass, die Finger seltsam reglos; ein Zittern hatte hier längst aufgehört, weil ein Zittern nichts zurückbringt. Sie sah Heinz an. Kein zufälliger Blick. Ein Erkennen. Sie kannte ihn. Nicht seinen Namen – sein Erbe.
»Gib ihn zurück.«
Kein Schrei. Nur Worte, schwer wie vierhundert Jahre. Schwer wie der Name eines Kindes, das man nicht halten durfte.
An Heinz’ Handgelenk – an der alten mechanischen Uhr seines Vaters – raste der Sekundenzeiger rückwärts, schneller, immer schneller, bis die Feder mit einem hässlichen Reißen brach. Das Glas bekam einen feinen, scharfen Sprung. Heinz rührte sich nicht.
Der Bann riss.
Die Hitze schlug zurück wie ein glühender Atem. Heinz sank auf ein Knie, die Hand flach auf den warmen Boden gepresst. Die Welt fügte sich wieder in ihre Fugen: Vögel schrien in den Baumkronen, Wasser platschte zurück ins Becken. Als wäre nichts gewesen.
Heinz keuchte. Die Luft schmeckte nach Verbranntem und Metall.
Er starrte auf die graue Asche im Beet, wo gerade noch Blumen geblüht hatten. Die Uhr war Schrott. Mehr brauchte er nicht zu wissen.
Langsam stand er auf und klopfte sich den Staub von der Hose.
Hier endet die offene Leseprobe
Noch fünf Kapitel weiter?
Wer den Newsletter liest, bekommt die erweiterte Leseprobe: den Prolog und die ersten fünf Kapitel — gut fünfzehnmal so viel Text wie hier. Zum Lesen im Browser oder als EPUB und PDF.
Oder gleich ganz
Wie geht es weiter?
Die ganze Geschichte — 350 Seiten zwischen dem Jahr 1614 und heute — gibt es als signiertes Hardcover oder als E-Book in PDF und EPUB.
Endpreise, keine USt. (§ 19 UStG). Digital ohne Versandkosten · Hardcover zzgl. 4,90 € Versand — ab 40 € versandkostenfrei in Deutschland, EU-Ausland ab 9,90 €
Alle Formate & Infos zum Buch →